Was ist Seeing? Der unsichtbare Feind der Astrofotografie
Die Nacht ist klar, kein Wölkchen am Himmel, die Montierung läuft sauber durch. Und trotzdem: Die Sterne zittern, Planetendetails verschwimmen, das Bild sieht aus als hätte jemand Frischhaltefolie vor das Okular gehalten. Willkommen im Club. Schuld ist das sogenannte Seeing.
Seeing beschreibt die Unruhe der Erdatmosphäre und ihren Einfluss auf das Sternlicht. Luft ist kein homogenes Medium, sondern ein ständig bewegtes Gemisch aus Schichten unterschiedlicher Temperatur und Dichte. Jedes Mal wenn Licht von einem Stern durch diese turbulenten Schichten fällt, wird es gebrochen, abgelenkt und verzerrt. Das Ergebnis sieht man im Okular als flimmernde, tanzende Sternscheibchen.
Warum flimmern Sterne, Planeten aber nicht?
Eine gute Frage, die einem jeder Nicht-Astronom stellen wird, sobald man das Thema anspricht. Sterne flimmern, weil sie so weit entfernt sind, dass sie selbst im größten Teleskop als punktförmige Lichtquellen erscheinen. Ein einziger Lichtstrahl, durch turbulente Luft geschickt, tanzt munter hin und her.
Planeten dagegen haben eine messbare Scheibe. Das Licht kommt aus vielen leicht verschiedenen Winkeln gleichzeitig, die Störungen mitteln sich teilweise heraus. Deshalb flimmern Planeten weniger, obwohl sie genauso durch dieselbe Atmosphäre leuchten. Bei schlechtem Seeing leiden sie aber trotzdem: Details verschwimmen, Bandstrukturen auf Jupiter werden unscharf, der Saturnring verliert seine Schärfe.
Wie wird Seeing gemessen?
Die gebräuchlichste Einheit ist die Bogensekunde (Arcsecond, "). Sie beschreibt den scheinbaren Durchmesser des Beugungsscheibchens eines Sterns, das durch atmosphärische Turbulenz entsteht. Je kleiner der Wert, desto besser das Seeing.
Professionelle Observatorien an guten Standorten wie auf dem Paranal in Chile erreichen regelmäßig Werte unter 0,5 Bogensekunden. In Mitteleuropa sind 1 bis 2 Bogensekunden ein realistischer Durchschnitt, an guten Nächten auch mal darunter. Werte über 3 Bogensekunden machen Planetenfotografie zur Geduldsprobe.
Was beeinflusst das Seeing?
Seeing entsteht überall dort, wo Luftmassen unterschiedlicher Temperatur aufeinandertreffen. Das passiert auf verschiedenen Ebenen:
Lokales Seeing
Der häufigste und gleichzeitig am leichtesten zu beeinflussende Faktor. Asphalt, Hausdächer und Betonplatten speichern tagsüber Wärme und geben sie nachts ab. Die aufsteigende Warmluft direkt über dem Beobachtungsplatz verursacht lokale Turbulenzen. Wer auf einer Dachterrasse beobachtet, kämpft gegen sein eigenes Gebäude. Wiesen, Felder und Waldlichtungen sind deshalb deutlich besser geeignet als Innenhöfe oder Parkplätze.
Bodennahes Seeing
Auch die bodennahe Luftschicht in wenigen hundert Metern Höhe kann turbulent sein, besonders wenn sich tagsüber erwärmte Luft abends abkühlt und absinkt. Dieser Effekt ist typisch für sonnige Sommertage, an denen die Nacht trotz klarem Himmel schlechtes Seeing bringt.
Jetstream
In 8 bis 12 Kilometern Höhe rast der Jetstream mit bis zu 300 km/h durch die Atmosphäre. Wenn er direkt über dem Beobachtungsstandort verläuft, verursacht er starke Turbulenzen und schlechtes Seeing, selbst bei völlig klarem und ruhigem Wetter am Boden. Steht der Jetstream weit entfernt, kann das Seeing dagegen außergewöhnlich gut sein.
Seeing in SkyGrade
SkyGrade bezieht Seeing-Daten vom Dienst 7Timer, der atmosphärische Modelle auswertet und Vorhersagen für astronomisches Seeing liefert. Der Wert fließt direkt in den Deep-Sky-Score und den Planeten-Score ein.
Für Deep-Sky-Objekte wie Galaxien und Nebel ist Seeing weniger kritisch als für Planetenfotografie, weil diese Objekte flächige Quellen sind. Entscheidender sind dort Bewölkung und Transparenz. Bei der Planetenfotografie dagegen ist Seeing oft der wichtigste Einzelfaktor, der über scharfe Details oder matschige Scheibchen entscheidet.
Praktische Tipps
- Beobachte möglichst auf Wiesen oder in der Natur, nicht auf Terrassen oder asphaltierten Flächen
- Lass dein Teleskop vor der Beobachtung mindestens 30 bis 60 Minuten akklimatisieren, damit die Optik die Umgebungstemperatur annimmt
- Planetenfotografie profitiert am meisten von gutem Seeing, Deep-Sky-Fotografie etwas weniger
- Prüfe den Jetstream: Liegt er nicht über Deutschland, stehen die Chancen auf gutes Seeing gut
- Sommernächte haben oft schlechteres Seeing als Winternächte, dafür sind die Nächte kürzer und wärmer
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- Transparenz: Warum ein wolkenloser Himmel trotzdem schlecht sein kann – Der zweite große Luftfaktor, oft gegenläufig zum Seeing.
- Die Bortle-Skala: Wie dunkel ist dein Himmel wirklich? – Lichtverschmutzung ist neben Seeing der zweite große Faktor für gute Beobachtungsbedingungen.
- Astronomische Dämmerung: Wann beginnt die echte Nacht? – Gutes Seeing bringt nichts wenn man zur falschen Zeit beobachtet.