Die Bortle-Skala: Wie dunkel ist dein Himmel wirklich?
Wer zum ersten Mal unter einem wirklich dunklen Himmel steht, erlebt einen kleinen Schock. Die Milchstraße ist kein blasses Band, sondern ein dreidimensionales Gebilde mit Strukturen, Dunkelwolken und Leuchtzonen. Andromeda ist mit bloßem Auge als deutliche Fläche erkennbar. Der Himmel wirkt schwerer, voller, echter.
Wer dagegen in einer deutschen Großstadt aufgewachsen ist, kennt diesen Anblick vielleicht gar nicht. Für ihn ist Nacht ein orangefarben aufgehellter Himmel mit zwanzig erkennbaren Sternen. Der Unterschied hat einen Namen und eine Zahl: die Bortle-Skala.
Was ist die Bortle-Skala?
Die Bortle-Skala wurde im Jahr 2001 vom amerikanischen Amateurastronomen John E. Bortle entwickelt und in der Zeitschrift Sky & Telescope veröffentlicht. Sie unterteilt die Himmelsdunkelheit in neun Klassen, von Klasse 1 (absolut dunkel, praktisch menschenleer) bis Klasse 9 (Innenstadt, Himmel orangefarben beleuchtet).
Vor der Bortle-Skala gab es keine einheitliche Sprache für Himmelsdunkelheit. Astronomen sagten Dinge wie "guter Himmel" oder "mittelprächtig" und meinten damit völlig verschiedene Bedingungen. Bortle hat das geändert, indem er konkrete visuelle Kriterien für jede Klasse festgelegt hat.
Die neun Klassen im Überblick
Klasse 1: Absolut dunkler Himmel
Der heilige Gral der Beobachter. Zodiakallicht ist so hell, dass es Schatten wirft. Der Gegenschein ist mit bloßem Auge erkennbar. Die Milchstraße wirft messbare Schatten. Solche Standorte gibt es in Europa kaum noch, man muss in die Sahara, nach Skandinavien oder auf die Kanarischen Inseln.
Klasse 2: Echter dunkler Himmel
Zodiakallicht deutlich sichtbar, Milchstraße komplex strukturiert und detailreich. M33, die Dreiecksgalaxie, ist mit bloßem Auge erkennbar. In Deutschland findet man solche Bedingungen allenfalls in den Mittelgebirgen weit weg von Ortschaften, und auch das nur an den besten Nächten.
Klasse 3: Ländlicher Himmel
Schwacher Lichtschein am Horizont in Richtung von Orten sichtbar. Milchstraße immer noch eindrucksvoll, viele schwache Strukturen erkennbar. Ein realistisches Ziel für Astrofotografen, die bereit sind eine Stunde zu fahren.
Klasse 4: Ländlich bis vorstädtisch
Lichtglocken über Ortschaften bereits deutlich sichtbar, aber der Zenit noch recht dunkel. Milchstraße gut erkennbar, schwächere Objekte erfordern mehr Mühe. Für viele Hobbyastronomen in Deutschland die beste erreichbare Klasse.
Klasse 5: Vorstädtischer Himmel (Standard)
Der SkyGrade-Standard und für viele Nutzer die realistischste Einschätzung. Milchstraße schwach aber erkennbar, Lichtglocken dominieren den Horizont. Deep-Sky-Objekte sind fotografierbar, aber der aufgehellte Hintergrund erfordert längere Belichtungszeiten und gute Nachbearbeitung.
Klasse 6: Heller vorstädtischer Himmel
Milchstraße nur noch in der besten Klarnacht sichtbar, Lichtglocken allgegenwärtig. Viele schwache Objekte im Okular kaum noch zu erkennen. Astrofotografie ist noch möglich, aber der Himmelhintergrund dominiert zunehmend das Bild.
Klasse 7: Vorstädtisch bis städtisch
Milchstraße praktisch unsichtbar. Helle Messier-Objekte noch darstellbar, schwächere Objekte verschwinden im Rauschen. Mond und Planeten funktionieren gut, Deep-Sky-Fotografie wird zur Herausforderung.
Klasse 8: Städtischer Himmel
Der Himmel ist grau oder orangefarben. Nur die hellsten Objekte sind fotografierbar. Planetenfotografie ist noch sinnvoll, Deep-Sky nur mit erheblichem Aufwand und speziellen Schmalbandfiltern, die Stadtlicht herausfiltern.
Klasse 9: Innenstadt
Nur Mond, Planeten und die hellsten Sterne sind sichtbar. Der Himmel leuchtet hell orangefarben oder weiß. Astrofotografie im klassischen Sinne ist kaum möglich. Dafür ist die Pizza um die Ecke wahrscheinlich gut.
Bortle-Klasse und SkyGrade
In SkyGrade kannst du die Bortle-Klasse deines Standorts manuell eingeben. Sie fließt direkt in den Deep-Sky-Score ein: Ein dunkler Standort mit Klasse 2 bekommt deutlich mehr Punkte als derselbe Standort mit Klasse 7, selbst bei identischem Wetter und Seeing.
Du kennst deine Bortle-Klasse nicht? Kein Problem. Auf lightpollutionmap.info kannst du jeden Punkt auf der Karte anklicken und die Bortle-Klasse ablesen. Die Karte basiert auf Satellitendaten und ist erstaunlich genau.
Praktische Tipps
- Fahr raus. Schon 20 bis 30 Kilometer aus der Stadt können einen Unterschied von zwei bis drei Bortle-Klassen bedeuten
- Nutze lightpollutionmap.info um dunkle Flecken in deiner Region zu finden
- Schmalbandfilter (H-alpha, OIII) können in der Stadt den Unterschied machen: Sie filtern Kunstlicht heraus und lassen nur bestimmte Wellenlängen durch
- Mond und Planeten sind von der Bortle-Klasse kaum betroffen: Die lohnen sich auch aus der Stadt
- Gib in SkyGrade deine reale Bortle-Klasse ein, nicht die optimistische Schätzung, dann ist die Auswertung ehrlicher
Weiterlesen
- Was ist Seeing? – Neben der Lichtverschmutzung ist Seeing der wichtigste Faktor für scharfe Astrofotos.
- Transparenz: Warum ein wolkenloser Himmel trotzdem schlecht sein kann – Lichtverschmutzung und Dunst verstärken sich gegenseitig.
- Astronomische Dämmerung: Wann beginnt die echte Nacht? – Auch der dunkelste Himmel bringt nichts wenn die Sonne noch zu hoch steht.